Unsere Online-Community ist für mich mittlerweile zu einer wichtigen Quelle für neue Buchempfehlungen geworden. Im Buchempfehlungs-Thread tummeln sich viele begeisterte Leser:innen, und Community-Mitglied Domic hat vor einigen Monaten sogar einen Buchclub ins Leben gerufen, der sich einmal im Monat via Zoom zum Austausch trifft.
Und so bin ich vor einigen Monaten auch auf das Buch Zusammen. Warum wir für ein gutes Leben Verbündete brauchen – und wie wir sie finden* von Ronja von Wurmb-Seibel gestoßen.
In einer Zeit, in der Daniel und ich uns von unseren Smartphones entwöhnen wollen, unsere OFFLINE-Wochenenden gelauncht haben und die ersten Community-Treffen im echten Leben stattfinden, hat das Buch bei mir einen Nerv getroffen.
Und weil ich weiß, dass die Themen aus dem Buch viele Menschen beschäftigen, möchte ich heute meine ganz persönlichen Erkenntnisse aus der Lektüre mit dir teilen. Vielleicht hast du am Ende des Beitrags Lust, etwas in deinem Leben zu verändern, möchtest mit mehr Menschen in echten Kontakt treten oder setzt dir das Buch auf deine Leseliste.
Ich freue mich jedenfalls, wenn dieser Beitrag oder das Buch etwas in dir bewirkt. Denn ich glaube, dass mehr echte Verbindung uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Gesellschaft guttun kann.
Zusammen – worum geht es im Buch?
Doch worum geht es eigentlich in dem Buch?
Die Autorin thematisiert in Zusammen* unser Zusammenleben mit anderen Menschen und die menschliche Sehnsucht nach echter Verbundenheit in einer zunehmend isolierten Welt. Sie zeigt die Schattenseiten von Einsamkeit auf und beschreibt Wege, die wir gemeinsam gehen können, um aus dieser Spirale wieder herauszukommen.
Dabei verbindet sie Studien mit persönlichen Erlebnissen. Am Ende jedes Kapitels gibt es eine kurze Zusammenfassung mit konkreten Handlungsempfehlungen. Ich selbst habe nach der Lektüre des Buches einige Veränderungen bei mir bemerkt – und das ohne mir bewusst etwas vorgenommen zu haben …
11 Erkenntnisse aus „Zusammen“
1. Einsamkeit nimmt in unserer Gesellschaft zu.
Haben sich vor der Pandemie noch 14 Prozent der Deutschen einsam gefühlt (basierend auf der subjektiven Wahrnehmung), fühlt sich heute fast jeder vierte Mensch „sehr einsam“. Während der Pandemie lag diese Quote wenig überraschend noch einmal deutlich höher. Und auch bei der Telefonseelsorge stand das Thema Einsamkeit in 2023 an erster Stelle.
Während früher eher Senior:innen von Einsamkeit betroffen waren, sind es heute vor allem Menschen unter 30 Jahren. Für mich persönlich waren meine „Zwanziger“ eine Zeit, in der ich permanent von anderen Menschen umgeben war. Während der Schulzeit, im Studium und auch, als ich nach dem Studium meinen ersten „richtigen“ Job angetreten habe. Einsam war ich zu dieser Zeit wirklich nie.
Es erschreckt mich und macht mich traurig, dass sich so viele Menschen heute einsam fühlen. Und gleichzeitig kann ich es nachvollziehen. Selbst mit Partner, Familie und vielen Menschen, die ich durch unsere Arbeit und den Sport regelmäßig sehe, habe auch ich manchmal das Gefühl, einsam zu sein.
Ich nehme für mich mit, aufmerksamer zu sein, wenn ich merke, dass Menschen in meinem Umfeld nach Kontakt und gemeinsamen Treffen suchen. Denn vielleicht steckt dahinter mehr als nur der Wunsch nach einer kurzweiligen Verabredung.
2. Einsamkeit ist so schädlich wie Rauchen oder Alkoholismus.
Ja, richtig gelesen. Statistisch gesehen ist Einsamkeit für unsere Gesundheit so schädlich wie Rauchen oder Alkoholismus. Aber was heißt das genau?
Menschen, die sich einsam fühlen, haben unter anderem ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Depressionen, Angststörungen, Lungenkrankheiten, Stoffwechselstörungen und Gefäßerkrankungen. Sie schlafen schlechter, empfinden körperliche Schmerzen stärker und haben ein erhöhtes Suizidrisiko. Entzündungen können gefördert und die Immunabwehr geschwächt werden.
Und das nicht, weil wir uns ungesund ernähren oder zu viel Alkohol trinken, sondern weil wir uns einsam und allein fühlen.
Ich kenne viele Menschen, die unter anderem aus gesundheitlichen Gründen keinen Alkohol mehr trinken oder das Rauchen aufgegeben haben. Das sind oder waren bewusste Entscheidungen für ein gesünderes Leben.
Dass Einsamkeit gesundheitlich ähnlich schwer wiegen kann, finde ich unglaublich. Vor allem, weil sie nur selten das Ergebnis einer bewussten Entscheidung ist.
3. Die bloße Anwesenheit eines Smartphones mindert die Qualität unserer sozialen Interaktionen.
Dieses Phänomen ist auch als „iPhone-Effekt“ bekannt und hat mich beim Lesen sofort aufhorchen lassen. Schließlich fiel die Lektüre genau in die Anfangszeit unseres Smartphone-Experiments.
Sobald ein Smartphone auf dem Tisch liegt – und es muss weder klingeln noch blinken oder sonst irgendwie auf sich aufmerksam machen – sinkt demnach die Qualität unserer Gespräche. Einfach nur, weil wir die (unterbewusste) Erwartung haben, dass es klingeln könnte, eine Benachrichtigung auftauchen könnte oder jemand das Telefon in die Hand nimmt, „um mal kurz etwas nachzuschauen“.
Wenn du es noch nicht machst, dann ist das vielleicht dein Zeichen, dein Smartphone ab sofort öfter in der Tasche stecken oder sogar zu Hause zu lassen. Und wer weiß: Vielleicht steckst du deine Mitmenschen damit an, ohne überhaupt etwas dazu sagen zu müssen.
Wie wir selbst unseren Smartphone-Konsum auf wenige Minuten pro Tag reduziert haben, erfährst du in dieser Podcast-Folge.
4. Wir brauchen mehr Treffpunkte („Third Places“) in unseren Städten und Gemeinden.
Mit „Third Places“ werden Orte außerhalb des eigenen Zuhauses („First Place“) und des Arbeitsplatzes („Second Place“) bezeichnet, an denen Menschen sich ungezwungen und ohne nennenswerte Kosten treffen und austauschen können.
Beispiele für solche Third Places sind Parks, Bibliotheken oder öffentliche Sitzgelegenheiten. Sie ermöglichen spontane und unverbindliche Begegnungen, kurze Gespräche und einen ungezwungenen Austausch mit fremden Menschen. Außerdem fördern diese Orte das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und genau das wird für uns immer wichtiger.
Für mich bekommen öffentliche Sitzgelegenheiten in verkehrsberuhigten Zonen dadurch noch einmal eine ganz andere Bedeutung.
Gerade deshalb empfinde ich es als Schlag ins Gesicht, dass an vielen Stellen Fördergelder gestrichen werden, zum Beispiel für Jugendeinrichtungen, Bibliotheken, Kinder- und Jugendarbeit und andere soziale Projekte, die Begegnungen ermöglichen. Hier wird in meinen Augen an der falschen Stelle gespart!
5. Synchrones Handeln stärkt den Zusammenhalt.
Wann hast du zum letzten Mal mit einer kleinen oder großen Gruppe gesungen oder musiziert? Wie lange ist es her, dass du gemeinsam mit mehreren Menschen getanzt, an einer Lauf- oder Wanderveranstaltung teilgenommen hast oder auf einer Demonstration warst?
Wenn du dich noch daran erinnern kannst, dann hast du es vielleicht gespürt: wie gut es sich anfühlt, gemeinsam aktiv zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes in die gleiche Richtung zu gehen, oder sich für eine gemeinsame Idee einzusetzen.
Laut Ronja von Wurmb-Seibel können solche sogenannten „synchronen Aktivitäten“ dabei helfen, Vorurteile gegenüber anderen Menschen abzubauen, Stress zu lindern und den Zusammenhalt zu stärken.
Und mir fällt noch etwas ein, das mir in diesem Zusammenhang immer besonders guttut: gemeinsam zu lachen.
6. Große Herausforderungen brauchen viele Menschen anstatt einzelne Held:innen.
Egal ob Kriege, Klimawandel oder soziale Konflikte: Wenn wir an die großen Krisen denken, die uns aktuell beschäftigen, dann wünschen wir uns oft, dass einige wenige (Politiker, Unternehmerinnen, Aktivisten usw.) die Sache in die Hand nehmen und für uns regeln.
Doch in Wahrheit können einzelne Menschen weder die Welt retten noch schwerwiegende Probleme im Alleingang lösen. Auch hinter mutigen Einzelpersonen stehen oft große Gemeinschaften oder Interessengruppen, die koordiniert in die gleiche Richtung arbeiten.
Mein persönliches Learning daraus: Wir dürfen nicht darauf warten, dass andere den Job für uns machen. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir selbst aktiv werden und unseren Teil zu dieser gemeinschaftlichen Herausforderung beitragen.
7. Wenn wir Einsamkeit bekämpfen, stärken wir gleichzeitig die Demokratie.
Wer Einsamkeit als rein privates Problem betrachtet, lässt einen wichtigen Aspekt außer Acht: Einsamkeit kann auch unsere Demokratie schwächen.
Menschen, die sich über einen längeren Zeitraum einsam fühlen, können das Vertrauen in den Staat verlieren und dadurch anfälliger für Verschwörungsphantasien und Propaganda werden. Beispiele dafür sind die Entwicklungen während der Corona-Pandemie, das Erstarken rechter Parteien, die Zustimmung zu politischer Gewalt und zu autoritären Haltungen. Auch der Nationalsozialismus hat damals von Einsamkeit und gesellschaftlicher Isolation profitiert.
Dabei geht es der Autorin gerade auch um das soziale Miteinander im Kleinen: Familien, Vereine, Nachbarschaften und Schulen. All das sind Gemeinschaften, die das Wir-Gefühl stärken und isolierte Menschen wieder stärker in die Gesellschaft integrieren können.
8. Zeit für Freundschaften sollte unsere Priorität Nr. 1 sein.
Ronja von Wurmb-Seibel schreibt über sich selbst, dass Arbeit für sie jahrelang an erster Stelle stand und Freundschaften erst dahinter kamen. Es sei nicht ungewöhnlich gewesen, dass sie aufgrund ihres Arbeitspensums private Verabredungen abgesagt habe.
Und da erkenne ich mich wieder.
Ich war in den letzten Jahren mehr als einmal zu erschöpft, um mich mit einer Freundin zu treffen, obwohl ich mich tage- und manchmal sogar wochenlang auf den Abend gefreut hatte. Und ich möchte versuchen, das zu ändern. Mal schauen, wie gut mir das gelingt.
Freundschaften sind nämlich ein entscheidender Faktor für Gesundheit und Langlebigkeit, sicherlich wichtiger als die diversen „Longevity-Mittelchen“, die uns für viel Geld angeboten werden.
Das Grundproblem ist für viele Menschen das knappe Gut Zeit. Wir stellen Arbeit oder „Me-Time“ über Freundschaften. Und auf Dauer kann das weder für uns selbst noch für die Gesellschaft gut sein.
9. Unsere Gesellschaft funktioniert nur, weil die allermeisten Menschen „gut“ sind.
Berichte über Kriege, der gewissenlose Konsum in der „Wegwerfgesellschaft“, diktatorische Regime, Gewaltverbrechen, Egoismus und Nationalismus sind nur einige der vielen Dinge, die bei uns den Eindruck entstehen lassen können, dass es ständig bergab geht und immer mehr Menschen „schlecht“ sind.
Aber das stimmt nicht.
Im Gegenteil: Unsere Gesellschaft, so wie wir sie kennen, funktioniert nur deshalb, weil die allermeisten Menschen gut sind.
Seit meiner Lektüre von „Zusammen“ ist mir wieder stärker bewusst geworden, dass wir Menschen nicht nur soziale Wesen sind, sondern auch unglaublich gut zusammenarbeiten, Fähigkeiten teilen und Gemeinschaften aufbauen können. Und dass wir das schon immer getan haben.
Dieses Bedürfnis ist uns der Autorin zufolge angeboren. Der Prozess des Gebens und Nehmens sei die Grundlage eines funktionierenden, sinnerfüllten Lebens.
Dass das so bleibt, verdanken wir unseren Mitmenschen … und hoffentlich auch uns selbst.
10. Mit der beVegt-Community machen wir schon viel richtig – und haben trotzdem noch Potenzial.
Von Wurmb-Seibel schreibt nicht nur über die Bedeutung von Gemeinschaften und Communities. Sie nennt auch Kriterien dafür, was eine gute Community ausmacht. Und ich habe gelernt, dass wir mit der beVegt-Community bereits eine Menge richtig gemacht haben.
In einer Community werden bestimmte Werte und Wertvorstellungen geteilt, und man muss sich nicht ständig erklären. Bei uns bedeutet das: vegan leben oder zumindest offen für eine vegane Lebensweise sein.
Gleichzeitig sollte es möglich sein, Teil der Community zu werden, auch wenn man diese Werte noch nicht vollständig teilt. Bei uns kann deshalb jede:r Mitglied werden, auch ohne sich vegan oder vegetarisch zu ernähren.
Einen Punkt finde ich besonders spannend: Man fühlt sich offenbar eher zugehörig, wenn man nicht nur nimmt, sondern auch gibt. Niemand muss sich für eine Gemeinschaft aufopfern oder sein letztes Hemd geben. Geben kann auch heißen, das eigene Wissen zu teilen, empathisch zu sein oder Hilfe anzubieten.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass Menschen, die sich zumindest ab und zu bei uns in der Community beteiligen, ein deutlich stärkeres Zugehörigkeitsgefühl entwickeln als diejenigen, die „nur“ mitlesen (was natürlich überhaupt nicht verwerflich ist).
Ein entscheidender Punkt fehlt in der beVegt-Community allerdings noch: Wir haben bislang keine Möglichkeit für regelmäßige Treffen im „echten Leben“ etabliert.
Aber auch daran wird dank einiger engagierter Mitglieder bereits gearbeitet. Noch im August wird es ein großes Community-Treffen in NRW geben. Und kleinere Treffen in Form von Verabredungen haben in der Vergangenheit schon mehrmals stattgefunden. Diesen Aspekt möchten wir gerne noch stärker ausbauen und fördern.
11. Soziale Medien können uns dabei helfen, Freundschaften zu knüpfen.
Und bevor du jetzt denkst: „Halt, stopp! Das ist ja völlig gegensätzlich zu allem, was vorher kam.“
Soziale Medien können uns helfen, den ersten Schritt zu machen. Dort können wir uns mit Gleichgesinnten verbinden, sie überhaupt erst einmal finden und Menschen mit ähnlichen Interessen virtuell kennenlernen.
Die echten Beziehungen entstehen dann aber offline. Und sie brauchen vor allem Zeit.
Daniel und ich standen zum Beispiel Ende 2012 in einer Facebook-Gruppe zum ersten Mal in Kontakt mit anderen veganen Läufer:innen. Gemeinsam haben wir uns damals auf die Vegane Ultrastaffel B12 vorbereitet und uns schon im Vorfeld miteinander ausgetauscht.
Wir haben uns online bereits verbunden gefühlt. Die wirkliche Verbindung entstand aber erst, als wir uns ein paar Monate später in einem veganen Restaurant in München getroffen und einen Abend lang persönlich ausgetauscht haben.
Dort sind Freundschaften und Verbindungen entstanden, die zum Teil bis heute, mehr als 13 Jahre später, bestehen.
„Zusammen“ – was ich mitnehme
Zusammen* hat mich nachhaltig beeinflusst. In den letzten Wochen habe ich versucht, mit kleinen Gesprächen Alltagssituationen aufzulockern (zum Beispiel beim Warten an der Kasse), Menschen aktiver als sonst anzusprechen und mich mehr im realen Leben mit anderen zu verbinden. Außerdem versuche ich, in den kleinen Begegnungen des Alltags häufiger etwas Positives zu sehen.
All das ist ein Prozess, der sicherlich nie aufhört.
Etwa parallel dazu läuft unser „Weniger Smartphone“-Experiment weiter, und ich bin mir sicher, dass wir dabei noch viel lernen werden. Sicherlich gibt es dazu in den nächsten Monaten hier auf beVegt und im beVegt-Podcast nochmal ein Update.
Und jetzt freue ich mich, von dir zu hören: Welche Gedanken sind dir beim Lesen durch den Kopf gegangen? Welche Rolle spielen Freundschaften, Gemeinschaft und echte Begegnungen in deinem Leben – und gibt es vielleicht etwas, das du selbst gerne verändern möchtest?
Teile deine Gedanken und Erfahrungen gerne unten in den Kommentaren oder diskutiere mit uns und anderen Leser im passenden Thread in der beVegt-Community.

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